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Markus Orths, Picknick im Dunkeln

von Rita Hausen

In einem dunklen Tunnel treffen sich Stan Laurel und Thomas von Aquin. Welch ein Gespann! Welch eine grandiose Idee: Komiker des 20. Jahrhunderts trifft auf mittelalterlichen Gelehrten, der schon früh das Lachen aus seinem Leben verbannt hat. Sie kommen sehr zögerlich ins Gespräch, schließlich liegen nicht nur unterschiedliche Lebenskonzepte, sondern auch 700 Jahre zwischen ihren beiden Leben. Zum Glück kann Thomas nicht nur Latein und Italienisch, sondern auch Englisch, weiß aber nicht, was für ein Land „Amerika“ sein soll. Und natürlich kann er auch nichts mit den Begriffen „Film“ oder „Slapstick“ anfangen.

Nach und nach erzählen sie sich ihre Erinnerungen und kommen auf die großen Fragen des Lebens zu sprechen. Sie tasten sich gemeinsam durch den Tunnel, bis Stan in ein Loch fällt und darin hängen bleibt. Thomas zieht ihn heraus. Stanley fragt sich, was es unten im Loch gibt und will es ergründen. Durch Tasten findet er heraus, dass es gerade breit genug war, um ihn zu verschlingen.

Thomas wäre darin allenfalls steckengeblieben aufgrund seiner Leibesfülle. Ihm drängt sich ein Vergleich auf zu seinem Filmpartner Ollie. Während sie weitergehen, äußert Thomas eine Vermutung, warum sie sich in dem dunklen Tunnel befinden: „Wir sind auf dem Weg zum jüngsten Gericht.“
Langsam begreift Stan, mit wem er es zu tun hat. Immerhin hat er schon einmal ein Buch über diesen Heiligen gelesen. Er ist einerseits beeindruckt, beginnt aber mit ihm über weltanschauliche Dinge zu streiten, vor allem über Gott, die Unendlichkeit, den Tod.

Thomas stößt auf einen Hammer, Stan findet ein Frauenkleid. Dann ist der Tunnel plötzlich zu Ende. Stan überkommt ein Gefühl von Aussichtslosigkeit. „Bisher war die Dunkelheit des Ganges erhellt worden durch die Erinnerungen und durch das Teilen dieser Erinnerungen mit Thomas …“ (S. 79) Wütend schlägt er mit dem Hammer gegen die Wand, ohne etwas auszurichten. Sie kehren um und hoffen, in der anderen Richtung einen Ausgang zu finden. Stattdessen finden sie ein Loch in der Decke und steigen dort hinein. Der obere Gang gleicht jedoch dem unteren haargenau, „der einzige Unterschied schien dieser Luftzug zu sein, gesättigt von allerhand Düften.“ (S. 150) Stan schlägt ein Spiel vor. „Kommen Sie, Thomas, ein pantomimisches Picknick. So tun, als ob. Wir spielen gegen die Wirklichkeit.“ (S. 152f.) Doch Thomas versteht das Spiel nicht, obwohl Essen für ihn immer sehr wichtig war. „Man nannte mich: das wandelnde Weinfass. Oder: der stumme Ochse. Nicht nur wegen des Gewichts, auch wegen meiner Größe. Und wenn ich irgendwo lesen oder schreiben wollte, musste man vorher den Tisch aussägen. Sie verstehen?“ (S. 155)

Thomas fordert Stan heraus, ihn zum lachen zu bringen, doch dieser Versuch scheitert, da ihrer beider Begriffe zu unterschiedlich sind. Thomas konstatiert: „Angesichts des Absoluten, angesichts Gottes muss jede Possenreißerei verstummen!“ Worauf Stan antwortet: „Wir reden aneinander vorbei.“ (S. 191)

Man könnte versucht sein, zu sagen: Zwischen den beiden liegen Welten, also wozu so unterschiedliche Menschen zusammenbringen? Ich habe mich das beim Lesen nie gefragt. Letztendlich liegt die Spannung genau darin, dass sie so unterschiedliche Lebenskonzepte haben und doch voneinander lernen, ja sich nahe kommen können. Genau das, was dem einen mangelt, kann er bei dem anderen finden. Und so gibt es einen eindrucksvollen Schluss.
Insgesamt ein kurioses Buch, urkomisch und todernst zugleich. Mich hat es an vielen Stellen berührt.

Hanser Verlag 2020
ISBN 978-3-446-26570-7
22,00 €