Michael Bauer
   
 
    Michael Bauer
  • 1952 in Viernheim geboren und aufgewachsen, lebt immer noch dort, trotz Schule und anderer Merkwürdigkeiten.
  • Er hat schon alles mögliche geschrieben, im heimatlichen -, wie auch im Standarddialekt.
    • Das Libretto für 2 Musicals
    • 3 Theaterstücke mit Musik
    • Einen Lyrikband „ich träume im krautland“ (mit Susanne Mette) als BoD verlegt.
  • Publiziert seit 1999 auf seiner Homepage unter und ist Texter der MundArt-Truppe Uhne Ferz .
  • Er findet zwischendurch sogar Zeit in einem großen Industrieunternehmen in der Produktion zu arbeiten, man hat halt auch Hunger und Durst.
  • Er ist Lyriker aus Passion und selbst seine Prosa ist nie weit weg davon, zumeist eigentlich lyrische Prosa. Zynisch sarkastisch bis liebevoll romantisch sind seine Texte, abgedreht und erdverbunden zugleich, wenn er nicht gerade literarische Foren moderiert oder digitale Literatur flasht, in seinen Weblogs brütet oder einfach nur Wolken zählt.
  • Verwundert lächelt er unter die Räuber gefallen, 77 mal.
 
  Kontakt: michael.bauer(at)mikelbower.com

  „ich träume im krautland“  
 
  gedichte von
susanne mette & michael bauer

Verlag Monsenstein & Vannerdat, Münster 9/2001 ISBN 3-935363-30-3
Aus einer Rezension des "Südhessen Morgen" vom 3.12.2001:

Michael Bauer bewegt sich hart an der Realität, zieht vieles - manchmal mit einem Hauch Zynismus - ins Lächerliche, provoziert und amüsiert. So beginnt beispielsweise sein Werk „Welche ein Mann“ mit den Worten: „Er hat sich geheiratet. Sie war auch anwesend.“

 
 

Textbeispiel:

kuldua aussem beidl

uns is die kuldua ausgonge
'schduligung
heede sie mol e bissl in ääm baidl
wisse'se
sou gonz uhne isses jo aa nix
schunschd hewwisch imma e biss in reserve
soagr in zweid-beidl hewwe ma fa die kinna
awwa ausgereschnd zu de kulturwoch
nix me drinn de beidl is lää
donge noo souviel brauche ma net
noja kimmts halt in de beidl
negschd joar is a wia e woch

 
 

Prosaprobe:

Räuber

Zurück hüpfte ich fast. Dabei begann alles wie so oft, weil ich todmüde war. Die Straßenbahn ratterte, das Buch war auf den Schoss gesunken und ich starrte trübe durch die Scheiben. Diese Strecke war ich schon als Kleinkind gefahren, ich kannte jede Ecke, jede Unebenheit im Geleise. Die Durchsagen der Haltepunkte hämmerten ewig bekannte Straßennamen in mein Gehirn, das laut nach einem Gähnen rief und doch konnte ich meine Augen nicht von den vorbeiziehenden hässlichen Häusermeeren wenden, die auch noch von den Straßenlaternen unvorteilhaft angeleuchtet wurden, als ob gleich einer dieser furchtbar düsteren Krimis abdreht würde. Meine Gedanken rieselten träge, unfähig wie sonst immer, mir vorzustellen, was die Menschen hinter den Mauern denn gerade täten. Diese kleinen Dinge des Lebens. Dosenöffner polieren oder gebratenes Geflügel tranchieren. Ich gebe zu, oft erschreckte mich die Hochrechnung, wie viele Paare jetzt wohl kopulieren würden, gerade dann wenn die Bahn vorbei huschte, ungelenk und kreischend, die Zahlen pfiffen mir durch den Kopf. Geht es Ihnen auch so? Es ist unvorstellbar, dass jeder erwachsene Mensch kopuliert, potentiell jedenfalls. Gigantisch. Man fährt durch die nächtliche Stadt und hinter, na ja, jeder dritten Mauer paaren sich die Menschen. Solche Gedanken erfreuen normalerweise mein Gehirn, wenn mein Auge schweift, aber heute war da gar nichts, nur dumpfer Wiederhall der letzten erfreulichen Stunden. Ich suchte mühsam nach den Bildern der Lesung, als ich elektrisiert auffuhr. In dieser Stadt gibt es auch eine Goethestraße. Es gibt fast in jeder Stadt eine Goethestraße, sogar in der kleinen Stadt, in der ich schlafe, aber hier in der Stadt, die für mich Stadt ist, seit ich denken kann, in dieser Stadt war ich noch nie die Goethestraße bis zu ihrem Ende entlang gelaufen. Ein irrsinniges Gefühl der Trostlosigkeit machte sich in mir breit, die Müdigkeit umhüllte es mit einer verschmutzen Plane aus verbrauchter Luft und dann kam die Haltestelle. Es stieg niemand ein, keiner meiner Mitfahrer wollte aussteigen und doch hielt die Bahn, wohl aus schierer Gewohnheit oder weil der Fahrer träumte wie ich. Ich musste aussteigen. Raus. In die Goethestraße. Die Müdigkeit sank sofort in die Füße, aber die Schenkel trieben mich weiter, das Ende der Goethestraße suchen. Ich erwartete dort nichts, wie denn auch, es war eine dieser ganz gewöhnliche Stadtstrassen und nur die Satellitenantennen an den Balkonen ließen Sehnsucht nach anderen Ländern und Welten erahnen. Ich lief den Hausnummern entlang und war bald am Ende angelangt. Die Kreuzung, in der sich die Goethestraße in die Beethovenstraße verlor, war noch eine Spur hässlicher als der Beginn der Straße am Haltepunkt, dort glänzte wenigstens noch Neonreklame für eine Handy-Firma, die auch einmal ein deutsches Unternehmen war. Hier funzelte nur das Licht eines Kiosk. Ein Mann feilschte mit der Besitzerin um ein letztes Bier auf Pump. Um das nervtötende Geschrille abzukürzen kaufte ich uns zwei Bier. Die Rollladen fielen und ich beeilte mich das Bier zu trinken, mein Gegenüber schwallte mir all die Kloake über mein Haupt, die auch die Schlagzeilen der Zeitungen über die lauen Lüfte kreischten und die Kommentare, wie sie das Volk liebt, in aller dummgeiler Brutalität, sogar Adolf wurde bemüht. Urplötzlich hielt er inne und fragte mich, was ich denn in dieser gottverlassenen Gegend um diese Zeit zu suchen hätte. Ich sagte ich suche den Goethe, der in den Stra­ßen wohnt, heute in dieser. Er küsste mich auf die Backen, was weniger eklig war, als man annehmen sollte und deklamierte den Erlkönig, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Es traf mich bis ins Mark. Ich war Vater und Sohn zugleich, spürte die Tränen der Mutter, die Nebel, die Nacht. Als er schwieg und die Worte auf dem Pflaster des Gehsteigs sanken, damit sie am Morgen von Passanten weitergetragen werden konnten, wie Blütenstaub von diesen Killerhummeln, schrie die Stille der Nacht in mein Gehirn und der Mann war weg. Mein Lachen zerriss meine Müdigkeit in Streifen, die ich mir als Turban um den Kopf legte und leichten Fußes zurück zur Haltestelle lief, fast hüpfte. Zu Hause wollte ich die Schillerstraße auf dem Stadtplan suchen. Morgen. Ich werde nach Räubern suchen, am Ende seiner Straße.