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Welttag der Poesie 2:
Lyrik interaktiv bei LeseZeichen Mannheim

Last updated on 30. März 2021

Aus Anlass des Welttags der Poesie hat LeseZeichen Mannheim unter der Leitung von Helen Heberer und Raimund Gründler erstmalseine digitale Veranstaltung mit aktiver Beteiligung der Gäste durchgeführt. Von Goethe und Fontane bis zu Friedrich Dürrenmatt und Hilde Domin reichte der abwechslungsreiche Lyrik-Bogen. 

Räuber’77-Mitglied Manfred Klenk erinnerte zum 15. Todestag an die Heidelberger Poetin Hilde Domin 1909 – 2006) und ihre zeitlosen Gedichte, deren wiederkehrende Aktualität sich bis heute zeigt. Durchgängiger Kontext ihrer Poetik ist „Der Herkunfts- bzw. Heimatgedanke im Exil“ – welcher „Quelle und Brot“ für den täglich bergaufwärts zu rollenden Stein in der Fremde sei (so Hilde Domin in einer ihrer Poetik-Vorlesungen in Frankfurt/M. In den 1980er Jahren). Manfred Klenk belegte diesen Herkunftsgedanken mit der Rezitation ihres bekannten Gedichts aus dem Jahr 1967 „SISYPHUS“.

Im Anschluss zitierte er sein lyrisches Notat    „ZUFLUCHT“   – das er anlässlich einer Gedenkveranstaltung in Mannheim zum 3. Todestag 2009 von Hilde Domin (kurz vor deren 100. Geburtstag) geschrieben hat:

ZUFLUCHT

Das Leben aktivieren, neu beginnen,
Immer wieder von vorn anfangen,
Allem eine zweite Chance
In die Wiege gelegt wie der Ball
Dem Kind zum Spiel, zu verdrängen,
Vergessen, was in Träumen es plagt.

Nomaden gleich, von Ort zu Ort wechselnd
Zelt Gemäuer, Mondes zunehmend Schweigen
Knüpft Dir aus Silberfäden den Teppich
Der Erinnerung, Dein Spielball der Kindheit,
        Längst zu Stein geworden
        Am Fuß der Mühsal Berge.

Sprachwolkenzüge, Quelle und Brot zugleich,
Den Fersen der Mutter folgend, bergauf
Geballten Fels bewegen und hinab
Zwischen den Hügeln die großen Löcher
In der blauen Haut des Himmels stopfen,
Fremdeinwärts suchend Vaters Haus.

Das Leben aktivieren, neu beginnen,
Immer wieder von vorn anfangen,
Allem eine zweite Chance
In die Wiege gelegt wie der Ball
Dem Kind zum Spiel –
                            Da capo al fine.

(c) Manfred Klenk, 2009/2021