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Michael Ockert, Kein Zurück

Last updated on 25. Juli 2020

Ich habe nicht viel zu tun mit den Kollegen, obwohl sie anscheinend dasselbe Ziel haben, irgendwo zwischen Südfrankreich und Nordspanien. Der Zug wirkt veraltet mit Plüschsofas und Gardinen und das fahrende Wohnzimmer scheint schon eine Weile nicht mehr grundgereinigt worden zu sein. Irgendwas zwischen roten, blauen und grünen Samtstoffen. Es ist schon gut, wenn sie sich prächtig verstellen und ich muss auch nicht mitten im Pulk sein. Ich finde es schöner, aus der Scheibe herauszugucken und die Bäume an mir vorbeiziehen zu lassen. Wir haben schon eine Strecke zurückgelegt und sie sind immer noch unermüdlich. Wir werden schon zusammen kommen auf unserem Arbeitstreffen.

Auch die Bahnsteige hier in Cannes scheinen noch aus den Fünfzigern zu sein, so dunkel und porös asphaltiert und so niedrige Glasdächer. Das Hotel am Hang ist ein Geheimtipp, klein und original, nicht viel besucht, dazu recht günstig. Ich dachte, die Kollegen würden auch hier absteigen, aber irgendwie haben wir uns aus den Augen verloren. Sie wollen anscheinend doch länger bleiben, das Film-Festival läuft ja gerade. Da bin ich pflichtbewusster, das Arbeitstreffen ist mir wichtiger und morgen soll es schon losgehen.

Die Rezeption ist eng, ein kleiner, hoher Holztresen und dahinter das schmale Schlüsselbrett. Rechts führt die Treppe hinter einer dünnen Holzwand nach oben. Ziemlich betriebsam hier unten, aber die wollen oder können hier alle gar nicht übernachten. Das ganze Foyer ist verstellt und irgendwie komme ich doch bis nach vorne. Mein Französisch reicht gerade so aus und es klingt ziemlich hölzern.

Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber ich habe eines der authentischsten Zimmer ergattert. Ein Hoteldiener führt mich nach oben und schließt in dem schmalen Gang die Tür auf. Auch hier drin ist es eng oder wirkt zumindest so auf den ersten Blick, eine kleine diagonale Wand links und schräg gegenüber das hohe Fenster, nur zwei oder drei Schritte entfernt, mit kärglichen, lang hängenden Gardinen. Der Charme der verlebten Schlichtheit, nur Wand und Fensterrahmen, alles in Weiß. Ich freue mich auf die Entspannung, wie der Körper mit jedem Atemzug Kraft schöpfen wird.

Der Blick nach draußen ist ernüchternd. Früher war hier unterhalb des Fensters ein kleiner Park und eine verlassene Landstraße führte nicht weit entfernt vorbei. Jetzt sind bloß ein paar alte Stämme mit wenig Laub und eine mehrspurige Autobahn übrig geblieben, die so verstopft ist, dass die Lasterkolonnen sich zäh voranschieben. Ich kann die Abgase hier drin riechen. Vom Vogelhäuschen ist nur noch eine Ruine geblieben.

Ich gehe hinüber ins Bad, ein schmuckloser Raum mit verschlissenem Porzellanwaschbecken und alten, übertrieben geschwungenen Chromarmaturen, deren Chrom schon seit langer Zeit abgegriffen ist. Von hier aus  geht eine weitere Tür ab. Ob das wohl auch zu meinem Zimmer gehört? Ich habe mich schon der meisten Klamotten entledigt, aber ich will unbedingt erkunden, was hinter der Tür ist. Sie öffnet sich nach außen in einen dunklen Flur mit Dachschrägen aus unbehandelten Holzbohlen. Nach rechts geht es weiter. Merkwürdig, wohin das wohl führt? Der kurze Gang mündet wieder in eine Tür, auf die ich blind zusteuere.

Als ich sie öffne, stehe ich in einem weiteren Bad, schlauchförmig, ohne Fenster und links eine alte, weiße Emailwanne. Hinter mir drängen unvermittelt zwei oder drei Hotelgäste herein, ältere füllige Frauen in gemusterten Hängekleidern und mit Hüten, Sonnenschirme, Stockschirme in der Hand, auf die sie sich gelegentlich stützen. Dabei bin ich so gut wie unbekleidet und ihre Körper nehmen derart den Raum ein, ich werde nicht an ihnen vorbeikommen, es wird für mich kein Zurück geben. Mein einziger Ausweg ist, auf die Tür am anderen Ende des Bades zuzusteuern. Aber ob die zu meinem Zimmer führt?

(c) Michael Ockert

  

  

  

  

 

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