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Rita Hausen, Disteln und Lilien

Last updated on 23. Juli 2020

Seit elf Jahren lebe ich von Mitte Mai bis Mitte September in einem idyllischen Ferienhaus in Nord-West-Mecklenburg. Vieles ist ein wenig improvisiert, und ich muss handwerklich immer mal selbst Hand anlegen. Daneben habe ich einen Garten, der ein wenig gepflegt werden muss. Bedeutet: die Wildnis muss etwas eingedämmt werden. Das heißt für mich, dass Wildpflanzen auch ihre Daseinsberechtigung haben. Selbst Disteln haben bei mir eine Chance. Ich finde sie schön und manche Schmetterlinge mögen sie auch.

Manches Mal fühle ich mich von Schmetterlingen umgaukelt, hin und wieder lassen sie sich sogar auf mir nieder. Während oft bedauert wird, dass die Insekten aussterben, kann ich mich darüber nicht beklagen. Ich weiß nicht, ob Zecken dazu gehören – ich glaube, sie sind eher Spinnentiere – jedenfalls scheinen sie mich zu lieben. Zum Glück habe ich mir bislang keine Borreliose eingehandelt. Es gibt jede Menge Wildbienen und Hummeln, auch Libellen – und natürlich Stechmücken und Bremsen. Auf meinem Grundstück leben sogar Schlangen, die sich manchmal auf meiner Terrasse niederlassen, eine hatte sogar einmal den Weg in mein Druckergehäuse gefunden. Es sind Ringelnattern und sollen äußerst scheu sein.

Eidechsen mag ich lieber als Schnecken, denn Eidechsen zeigen sich bei schönem Wetter, die Schnecken bei Regen. Die Gartentür wird von einer großen Eidechse geziert.

Die Lage des Ferienhauses: unterhalb eines Segelflugplatzes in einem, ich sag mal, Naturschutzgebiet. Mein Grundstück hat Hanglage. Beim Mähen der Wiese ist das etwas mühsam, deshalb lasse ich gerne das Gras wachsen. Da zeigen sich dann auch Margeriten, Johanniskraut, Lichtnelke, Flockenblume … Ja, das ist ökologisch wertvoll, aber ich mache es, weil es so viel schöner ist als kurzgeschnittener Rasen. Hanglage – obwohl hier sonst alles eher platt ist. Das kommt von der letzten Eiszeit. Als die Eiszungen sich zurückzogen, ließen sie Sand und Geröll, die sie vor sich hergeschoben haben, einfach liegen. Der Boden ist also sehr sandig. Es gibt auf meinem Grundstück und drumherum sehr viel Ginster. Ich habe ihn einfach wachsen lassen, ebenso wie Holunder und Eberesche. (Die Vorbesitzer hatten Gehölze wie Blautanne, Wachholder und Zypressen hier angesiedelt.) Ich habe aber auch Flieder und Rhododendron. Es ist so eine Mischung von Wild- und Kulturpflanzen. Die Disteln stehen neben den Lilien. Die Wildpflanzen setzen sich langsam durch, dazu gehören auch Himbeeren und Brombeeren, die einfach von selber kommen.

Unterhalb meines Grundstückes ist ein kleiner Teich, dort leben Frösche, Enten, Schwäne … Gelegentlich höre ich die durchdringenden Schreie der Kraniche, die über mein Haus fliegen. Sie haben sich an einem der vielen Seen der Umgebung niedergelassen. Es gibt auch viele Singvögel. Ich mag den Pirol am liebsten. Der flötet so schön und ist für mich der Inbegriff des Sommers. Auch Greifvögel wie Habicht und Wiesenweihe habe ich schon oft beobachtet; in der nahegelegenen Lewitz gibt es auch Seeadler.

Heutzutage dürfte hier niemand bauen, nicht einmal eine Hütte. 1981 wurden hier aber 6 Häuschen für die Fluglehrer gebaut – meines ist das letzte in der Reihe und hat folglich nur einen Nachbarn. Wir haben für die 6 Häuser eine eigene Pumpe, Strom kommt vom nahe gelegenen Segelflugplatz. Manch einer denkt vielleicht, das ist aber abgelegen! Ja, ist es. Es gibt nicht einmal einen geteerten Weg zum Flugplatz, alles nur Sandpiste. Mein Auto ist immer total eingestaubt. Heute gab es Regen, da ist es wieder einigermaßen sauber. Ich habe einen Briefkasten vorne am Zaun des Flugplatzes, wenn ich nach Post schauen will, nehme ich das Fahrrad. Lieferservices finden mein Haus nicht, deshalb lasse ich Päckchen an eine Packstation schicken.

Seit ich dieses Häuschen habe, bin ich nicht mehr in irgendein anderes Urlaubsland geflogen. Dazu brauchte ich kein ökologisches Gewissen. Ich habe einfach nicht mehr das Bedürfnis. Früher war Griechenland das Land meiner Sehnsucht, bin jahrelang ein- bis zweimal dorthin geflogen. War schön, sehr schön.

Es gibt in der näheren Umgebung viele Seen und Badeplätze. Der Pinnower See und der Schweriner See, aber daneben viele andere größere und kleinere Seen. Die Warnow fließt nicht weit von meinem Grundstück vorbei, bis zur Insel Poel in der Ostsee sind es ca. 50 km.
Ich habe auch ein Paddelboot, mit dem ich manchmal Touren unternehme. Zwischen den einzelnen Seen gibt es Wasserarme und man paddelt durch Stecken mit Wald und Schilf.

Im Zusammenhang mit dem Corona-Lockdown hatte Mecklenburg-Vorpommern die Grenzen geschlossen, auch Leute mit Zweitwohnsitz wurden nicht ins Land gelassen, es gab sogar Fälle von Ausweisungen.

In Kulturzeit wurde von einer Autorin berichtet, die in ihrem Ferienhaus wohnte und die ausgewiesen werden sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich darüber alles andere als erfreut war. Man wusste ja im April noch nicht, wie sich das weiterentwickeln würde. Zum Glück hat MVP zum 1. Mai die Grenzen für Zweitwohnungsbesitzer geöffnet und bald danach auch für Touristen allgemein. Nun verbringe ich wie immer den Sommer in meinem Gartenhäuschen.

(c) Rita Hausen

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