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Daniel Defoe, Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge

Last updated on 27. Juni 2020

von Bernhard Schader

Der Text ist nicht ganz neu – zuerst erschienen 1709 in London – aber frappierend aktuell:
Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts kommen tausende von „poor Palatines“ , armen Pfälzern, über Holland nach England, auf der Flucht vor religiöser Unterdrückung und vor Hunger, Elend und Verwüstung in ihren Städten und Dörfern. Die Diskussion erscheint einem bekannt: Soll man diese Pfälzer – in einer Zeit „da der Handel flau, Beschäftigung knapp, … und jedwede Nahrung dermaßen teuer“ ist – aufnehmen oder zurückschicken? Ist sie aufzunehmen Ausdruck christlicher Nächstenliebe und bringt es gleichzeitig der Nation Ehre und wirtschaftlichen Gewinn, oder bedeutet es weitere Teuerung, Arbeitslosigkeit und Vergrößerung der Zahl der Notleidenden im eigenen Land?

Der Journalist und Satiriker Defoe, hierzulande vor allem als Autor des Robinson Crusoe bekannt, stellt sich in einem ausführlichen Brief an einen fiktiven Sehr geehrten Herr(n) auf die Seite der poor Palatines. Er betont, dass er sich in der Auseinandersetzung nicht auf die fake-news seiner Zeit stützen will – „persönliche Vorlieben, irrige Vorstellungen, Gerüchte“ – sondern auf „authentische Aussagen und verantwortbare Berichte.“ Und das gelingt ihm gut.
Er zieht zahlreiche Quellen und Belege heran. Detailliert diskutiert er die volkswirtschaftliche Situation Englands, die ökonomischen Vorteile, die die Aufnahme der Flüchtlinge dem Land bringen könnte, und Perspektiven, die möglicherweise in ihrer Weiterreise in die amerikanischen Kolonien liegen könnten. Er zeigt sich ausgezeichnet informiert über die beruflichen Fähigkeiten der Migranten, und er kennt sehr genau die prekäre Situation ihrer Heimat: Die Städte – namentlich Mannheim, Speyer, Worms, Frankenthal, Phillipsburg, Oppenheim – waren einst bedeutende Zentren, jetzt sind sie durch die Kriege mit Frankreich weitgehend zerstört. Von niedergebrannten Dörfern und verwüsteten Weinbergen berichtet Defoe, von Menschen, die in die Wälder geflohen und dort vielfach zugrunde gegangen sind, von einer „tödliche(n) Wüstenei„.
Den Flüchtlingen großzügig zu helfen, zu diesem Schluss kommt er, sei Christenpflicht und Pflicht der britischen Nation, und wer sich „engherzig und unbarmherzig“ dieser Pflicht entziehen wolle, solle „durch Schande gebrandmarkt“ werden.
300 Jahre alt, höchst aktuell, dank der Übersetzung von Heide Lipecky gut lesbar. Und überaus lesenswert.

Mit einem Vorwort von John Robert Moore.



dtv, 2. Aufl. 2017, broschiert
ISBN 978-3-423-14591-6
8,00 €

Büchergilde Gutenberg, 2019, fester Einband
für Mitglieder 16,00 €

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